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Ist das Polyamorie, offene Beziehung oder Patchwork?

  • 10. Mai
  • 4 Min. Lesezeit


Open for to go - weil das Leben und die Liebe nie stehen bleiben.
Open for to go - weil das Leben und die Liebe nie stehen bleiben.

Ich lebe ein Beziehungsmodell, das viele nicht verstehen - und das ganz sicher nichts für jeden ist. Wie es dazu kam und warum das für uns so gut funktioniert, liest du hier.


Ich kann (und will) hier nur aus meiner eigenen Perspektive schreiben. Daher beginnt die Geschichte mit der Einschulung unsere Kinder. Damals war ich an einem Punkt in meinem Leben, an dem ich nicht mehr weitermachen konnte. Vor allem beruflich war ich sehr unzufrieden und rutschte in eine depressive Phase. Viel zu lange hatte ich meine eigenen Bedürfnisse hinten angestellt und funktionierte nur noch, in einem äußerlich perfekten Leben. Mir wurde klar, dass das sehr viel mit mir selbst, aber eben auch mit meiner nicht mehr lebendigen Beziehung zu tun hatte.

 

Nach einer sehr schwierigen Zwillingsschwangerschaft, lebensbedrohlichen Krankheiten und allem, was den Alltag junger Eltern sowieso belastet, hatten wir uns als Paar verloren. Unser gemeinsames Leben und unsere Familie aber wollten wir nicht kaputt machen. So beschlossen wir in einer Paartherapie, die Beziehung zu öffnen. Dieses "Ja" zu uns tat gut und gab uns Sicherheit. Um ehrlich zu sein: ich glaube, wir waren schon so lange zusammen, dass wir uns ein Leben ohne den anderen einfach gar nicht vorstellen konnten - und das auch nicht wollten.


Liebe ist nicht weniger geworden, sie hat sich nur gewandelt.


Uns als Liebespaar wiederzufinden - das ist uns leider trotzdem nicht gelungen. Wahrscheinlich hatten wir zu lange gewartet und hätten auch viel mehr Unterstützung von außen gebraucht. Aber was wir geschafft haben - und darauf sind wir schon ein bisschen stolz: Wir haben uns damals nicht im Chaos getrennt. Wir haben unsere Freundschaft und Liebe bewahrt. Wir werden in irgendeiner Form zusammen alt werden und können aufeinander zählen, in guten und schlechten Zeiten. Und wir sind und bleiben aus tiefstem Herzen Eltern, die ihre Kinder gemeinsam begleiten, auch wenn die mittlerweile schon erwachsen sind.


Neben unserer Ehe und Familie haben mein Mann und ich heute beide eine neue Partnerschaft. Das Wort Polyamorie beschreibt gut, dass wir mehrere Menschen lieben, aber praktisch ist es wohl eher eine Art Patchwork mit Familiennest. Als Lebenspartner, Eltern und Freunde sind wir immer füreinander da und geben uns Raum für unsere Bedürfnisse und für das, was wir für unsere jeweilige Entwicklung brauchen.


Was meine neue Art, Beziehung zu leben, wirklich ausmacht - und wie es mir gelingt, zwei Partnerschaften zu leben


Meine heutige Liebesbeziehung, die durch unsere Öffnung lebbar wurde, war dann genauso wichtig für mich und steht heute ebenbürtig neben meiner Ehe. Sie hat mir ermöglicht, mich selbst auf eine ganz neue Art zu entwickeln. Anders als in meiner Ehe, in der wir uns immer mehr voneinander entfernt hatten, gerieten mein neuer Partner und ich immer wieder in sehr emotionale Dynamiken aus Streit, Schmerz und Drama - und die Beziehung wäre fast daran zerbrochen.


Aber dann gab es diesen einen Moment, als ich eine Freundin, die Paartherapeutin ist, in einem Konflikt verzweifelt um Hilfe bat. Ich wollte eigentlich schon fast Schluss machen, da ich es nicht mehr aushielt, und suchte ihre Bestätigung, dass wir wohl einfach nicht zusammen passen und das alles toxisch ist... Da schickte sie mir sinngemäß diese Sprachnachricht, die ich nie vergessen werde: 


Was ich sehe, sind zwei Menschen, die verletzt sind und in großer Not - und die sich nicht anders zu helfen wissen.


Diese neue, mitfühlende Perspektive brachte mein inneres Kartenhaus zum einstürzen. Endlich konnte ich raus aus meinem Überlebensmodus und verstehen, dass wir nicht unsere Trigger und Dynamiken sind. Ich sass in der S-Bahn und es war mir total egal, dass mir die Tränen über die Wangen liefen. Es war wie ein Aufwachen aus einem Albtraum, alles viel von mir ab. Erschöpft von meinem Kampf, aber voller Hoffnung und plötzlich mit der Klarheit, dass wir uns zusammen diesen alten Wunden zuwenden und durch neue, liebevolle Erfahrungen wachsen können.


Wir brauchen Menschen, mit denen wir wachsen können


Natürlich wurde das kein Spaziergang. Wir brauchten noch viele Schleifen, Gespräche und Erkenntnisse, um unseren eigenen Weg aus dem Sog dieser Abwärtsspirale zu finden. Was uns natürlich auch half, war unser Fachwissen und unsere Neugier als Therapeuten - wir waren und sind auch heute noch unser eigenes, unerschöpfliches Forschungsfeld. Das macht auch demütig, denn wir wissen aus tiefstem Erleben, was es bedeutet, durch diese Stürme zu gehen, hilflos zu sein und verzweifelt, wütend und enttäuscht. Und gleichzeitig hat sich für uns die Tür geöffnet zu echter, authentischer Verbundenheit, Intimität und tiefer Liebe.


Ich bin dankbar, jetzt in einer lebendigen und erfüllenden Partnerschaft zu leben, in der wir auch mit unseren dunklen Seiten bewusst umgehen und uns so lieben können, wie wir sind - inklusive unserem jeweiligen Rucksack voller Prägungen und Schutzstrategien. Das bedeutet nicht, dass wir gar keine emotionalen Wellen mehr erleben, aber sie sind sehr selten geworden und wenn sie mal wieder “hallo” sagen, dann surfen wir zusammen durch. Diese Art von aktiver Beziehungsarbeit hat mich und mein ganzes Leben grundlegend verändert.


Aus meiner Beziehungsgeschichte wurde meine Berufung


In meinen Ausbildungen und meiner Arbeit mit Paaren und Menschen mit Entwicklungstraumata konnte ich meine Erfahrungen mit therapeutischem Wissen unterfüttern und immer tiefer durchdringen. In Beziehungen begegnen wir so oft verletzten Anteilen, die die Sehnsucht haben, endlich gesehen zu werden. Ich weiß, wie schwer es ist, da allein rauszukommen - und was es kosten kann, an diesem Ort zu bleiben. Daher habe ich es mir zu meiner Lebensaufgabe gemacht, Menschen dabei zu begleiten, diese Anteile zu integrieren, um in Verbindung zu kommen - mit sich selbst, mit der Liebe ihres Lebens und mit dem Leben selbst. 


Ist das, was ich lebe, also jetzt Polyamorie, offene Beziehung oder Patchwork? Das überlasse ich dir. Aber ich hoffe, dass du nun etwas besser verstehst, wie es dazu kam. Meine Geschichte ist im Grunde der Versuch, so transparent, integer und verbunden wie möglich immer wieder neu gemeinsam Lösungen zu finden, die die Erfüllung von Bedürfnissen und Weiterentwicklung möglich machen. Dafür gibt es zum Glück heute mehr Optionen als in früheren Generationen.


Ich glaube an die Magie, die in der sicheren, liebevollen Verbindung zwischen zwei Menschen entstehen kann. Aber das Leben ist kompliziert. Es konfrontiert uns mit schlechtem Timing, begrenzten Ressourcen, Stress und Überforderung. Das gehört dazu. Scheitern gibt es nicht, wenn wir immer weitergehen. Und auf diesem Weg brauchen wir eben manchmal mehr als einen Menschen an unserer Seite, um uns selbst und die Liebe zu finden, die uns nährt, beflügelt und durchs Leben trägt.

 
 
 

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